À corps perdu (oder: Das Istanbul-Syndrom)

Es war nicht Florenz, es war nicht Paris, es war nicht Jerusalem. Es war auch nicht während eines dieser hektischen Städtetrips: „Entdecken Sie in drei Tagen den Zauber des Orients und die größten Shoppingmalls Europas“. Nein. Ich wohnte in Istanbul seit nun acht Monaten, war bereits ohne Reiseführer und Stadtplan unterwegs. Ich schlenderte durch die Stadt, die Hände in den Taschen, und machte keine Fotos mehr.

Ich war schon öfters in Paris, auch in Marokko und sogar in Indien gewesen. Ich hatte die schwindelerregende Kuppel des Taj Mahals und den Palast der Winde gesehen, kannte schon das tosende Rauschen und die Morbidität der Straßen Old Delhis und des Platzes Djemaa el Fna, die mystische Stimmung der Pilgerstadt Pushkar und die Leichenverbrennungen an den Ghats von Banganga.

Ich bekam keine krankhaften Angstzustände oder religiösen Halluzinationen; keine „himmlischen Empfindungen“, keine spirituelle „Ekstase“, wie Stendhal sie in Florenz erlebte und beschrieb. Es war auch keine bewusste Abdrift der Gefühle, wie Pierre Loti sie in Aziyadehs Stambul inszenierte. Nichts von all dem.
Es war nichts als ein Schwindel. Und es klopfte mir das Herz. Es kam über Nacht, heimtückisch und ausweglos.
Der Abend davor: ein lauer April. Ich war dem Wiener Winter entlaufen. Gerade angekommen. War mit Freunden zu einem Konzert verabredet. Schülerband. Davor ein Bier in der Artischocke, am Fuße des Galataturms. Der Festsaal der Schule: überhitzt. Zwei, drei jazzige Nummern, die warme Stimme einer lasziven Lehrerin, die Begeisterungsrufe der Zuschauer, und dann kam dieser schwarz gekleidete Maturant mit Sonnenbrille. Wieder Begeisterungsrufe der Zuschauer. Der pochende Rhythmus der Bassgitarre, die ersten Riffs, und dann die Stimme, dunkel und düster:

People are strange
when you’re a stranger
Faces look ugly
when you’re alone

Es war ein plötzlicher Blackout. Hohes Pfeifen einer Mikrofonrückkopplung in meinen Ohren, der tiefe Bass pulsierend in meinen Schläfen, die Schrillheit der Gitarre schnürte mir die Kehle zu, die Zunge klebte am Gaumen, der Atem wie beraubt, flaues Gefühl im Magen, das Herz beklommen, der Nacken steif und schmerzend …

When you’re strange
no one remembers your name

Es war um mich geschehen: Alles geriet ins Wanken. Schwindel, Herzrasen, Ohrenpfeifen, andauernd und quälend, eine nicht enden wollende Malaise, Übelkeit, Überreizung. Wochenlang, monatelang.

Streets are uneven
when you’re down
When you’re strange
faces come out of the rain

Ich hatte den Nullpunkt meiner Kräfte erreicht, ja überschritten, hatte die Balance verloren und „fürchtete umzufallen ». Und alles war mir fremd. Das Summen der Frachter, die Schreie der Möwen, das Hupen der Autos, die Pfiffe der Polizisten, das Quietschen der Straßenbahn, kein Geräusch, das mich früher kaum gestört, ja das mir vielleicht gefallen hätte, war mir noch erträglich. Nicht einmal die Sirenen der Dampfschiffe am Bosporus. Nicht einmal das Rufen der Muezzins. Lärmtrunken. Am Festland: ein Schaukeln wie auf hoher See, ich stoße überall an, stolpere über Gehsteige und Pflastersteine, mein Spiegelbild in den Schaufenstern entzweit sich und verschwimmt; mein Gesicht verfremdet. Nullpunktverschiebung. Sinnestäuschung. Fragmentierte Schriften: die Buchstaben gespalten, die Striche gebrochen, die Vertikale aufgehoben. Ich habe keine Bodenhaftung mehr, wie der junge tanzende Derwisch, der beim Kreisen um sich selbst die Verbindung zur Erde verliert, ehe seine rechte Hand im Himmel Halt findet, und dabei aus der Körperachse geworfen wird. Schwindel also. Und ständig dieses Klopfen in der Brust, das Rasen im Kopf, das Hämmern in den Schläfen, das Pfeifen in den Ohren.

When you’re strange

Schwanken, Klopfen, Schwirren, Pfeifen.

when you’re down

Taumeln, Pochen, Schrillen, Rasseln.

Welche schmerzhafte Erinnerung, welche vergrabene Angst versuchte da an die Oberfläche meines Bewusstseins zu drängen? Um mich zu quälen oder mich zu erlösen? Istanbul, Stadt des Taumelns, Stadt des Schwindelns. Zwei weitere Jahre schwindelte ich durch die Stadt, durch das Leben, ohne die Antwort zu finden.

Femme fatale

Le 5 août 1925, Amrita Sher-Gil, alors âgée de 12 ans, répertorie dans son journal les films qu’elle a vus en Inde où elle vit depuis quelques années – La Reine de Saba, Cyrano de Bergerac, Quo Vadis, le Cheik –, dessine des croquis sensuels et parfois érotiques des acteurs et actrices qu’elle y a admirés, et en fait un classement par ordre de préférence : Betty Blythe, la comtesse Rina de Liguoro et, à la troisième place, Pola Negri, dans Carmen.
Dans ce film – réalisé par Lubitsch en 1918 et également connu sous le titre The Gypsy Blood – Pola Negri n’a que 21 ans, mais les dix films qu’elle a déjà tournés ont fait d’elle une icône du cinéma muet. Ses épais jupons de gitane accentuent ses rondeurs plutôt qu’ils ne les masquent, elle porte les poncifs de la bohémienne, foulard sur la tête et grandes boucles d’oreilles, et une mèche de cheveux noirs, aiguisée en spirale, orne son front. Sur une photo probablement réalisée par son père Umrao Sher-Gil, Amrita pose avec ce même accroche-cœur et un sourire aguicheur.

En 1929, Pola Negri tourne son dernier film muet, Son dernier Tango, où elle joue une entraîneuse dans un bar à marins du nom de Paradis bleu, qui, pour fuir son maquereau, épouse un gardien de phare et part vivre avec lui. Dans les extraits que l’on peut voir en ligne, on ne peut que constater qu’elle a pris pas mal d’embonpoint, que sa démarche est encore plus chaloupée que dans Carmen, et que la gestuelle est devenue vulgaire : elle bouscule les gens et se crache dans les mains, si bien que j’avais du mal à croire qu’elle puisse avoir été la femme fatale que l’on dit.
Jusqu’à ce soir de janvier 2017. Dans les rues désertes de Vienne, il gèle à pierre fendre. Il fait nuit depuis longtemps. Mais sous les lustres de cristal du cinéma Metro, les lourds velours rouges me projettent hors du temps. Dans l’envers du décor. La salle est historique. Sur la scène, un pianiste accompagne ce dernier film muet* de Pola, seule copie qui ait survécu, provenant de la cinémathèque de Toulouse. La lumière s’éteint, et le voyage commence. Tous les sens sont en éveil. On croit entendre le cri des mouettes, sentir les embruns, alors tout doucement on glisse, dans la bruine du port, dans la moiteur du bar. Puis, gros plan sur son visage. Et Pola nous emporte. Vague submergeante, on croit entendre son rire, sentir la poudre de ses joues, il y a la mouche veloutée qui palpite au-dessus de sa lèvre, il y a les guiches de cheveux noirs qui frisent à présent ses tempes, il y a, malgré le noir et blanc, l’incarnat de sa peau, ses lèvres de carmin et son regard de braise. Elle distille une féminité et une sensualité intemporelles. Elle est la volupté et le désir ardent. Elle est la femme. Elle est Pola Negri. Elle est.

 

* Son dernier Tango (The Woman He Scorned Die Straße der verlorenen Seelen) est un film anglais de Paul Czinner de 1929.