Indienrot

(Romanauszug, erschienen in LICHTUNGEN – Zeitschrift für Literatur, Kunst und Zeitkritik, Heft 143 / XXXVI. Jg., S. 56-61.)

Am 31. Juli 1948, in einer noblen Villa der indischen Stadt Shimla, bringt sich eine Ungarin namens Marie Antoinette mit der Pistole ihres Mannes, eines indischen Sikhs, um. In einem Film würde das tragische Ereignis ganz am Ende stattfinden. Auch die Details würden wir nicht gleich erfahren. So wie ich dieser Geschichte Tag für Tag, Spur für Spur nachgegangen bin. Am Anfang des Films, keine Markierung von Zeit und Ort. Nur: Außen, Tag. Tropischer Regen. Totale auf eine Villa an einem Berghang, während Titel und credits eingeblendet werden. Grüne Dächer, verzierte Erkerfenster, von einer Kuppel überragt, kleinen Mausoleen gleich. Im Garten sind Föhren, Farnbäume und Rhododendren zu sehen. Kenner würden an der Architektur und der Vegetation die Gegend erraten können. In der nächsten Szene schwenkt die Kamera durch einen Salon. Schwere Vorhänge und Drapierungen, an den Wänden Ölbilder, gerahmte Photos und indische Miniaturen; ein kleiner Schreibtisch mit Jugendstil-Lampe. Viele Bücher und Papiere liegen herum, eine Lupe, das kolorierte Photo von zwei kleinen Mädchen mit Frisuren und Kopfschmuck der zwanziger Jahre. Wir vernehmen das Brummen eines Ventilators, Klirren von Geschirr. Die Kamera schwenkt weiter durch das Zimmer. Zoom auf einen niedrigen achteckigen Tisch aus geschnitztem Zedernholz. Detaileinstellung: dunkle Männerhände gießen Tee in eine Porzellantasse. Wir sehen, dass da jemand sitzt. Ein seidener Stoff, feine Frauenschuhe. Eine langsame Kamerarückfahrt zeigt eine weiße, elegant gekleidete Frau; sie ist älter, deutlich über sechzig. Sie sitzt völlig zusammengesunken im Sessel, ihr Haar vom Ventilator leicht verweht, gedankenverloren, der Blick wässrig, das Gesicht zerfurcht. Der Mann, offensichtlich ein Diener, trägt eine indische Tracht, weiße Jodhpurs, bandgalla und ein rotes Kopftuch. Dies würde beim Zuschauer den Eindruck bestätigen, dass wir uns irgendwo in Indien befinden.
Die Frau würde sagen: – Machen Sie bitte die Vorhänge zu und lassen Sie mich alleine.
Sie würde vielleicht aufstehen und aus einer Schublade, in der wir eine Pistole erkennen könnten, Briefe herausholen. Sie würde einen Brief aussuchen und entfalten, und eine Erzählstimme würde beginnen zu sprechen. Nein, noch würde sie nicht aufstehen, sondern nur ihren Blick durch den Raum schweifen lassen. Wir folgen dem Blick auf ein Ölbild mit einem roten Terrakotta Elefanten, auf das Porträt eines jungen Mannes, auf das kolorierte Photo mit den kleinen Mädchen. Kinderlachen würde eine Rückblende ankündigen. Überblendung des Photos. Und eine Einblendung würde erscheinen: Budapest, 34 Jahre zuvor.

INNEN. TAG. Großeinstellung auf einen schweren roten Samtvorhang. Wir vernehmen Kinderlachen. Der Vorhang bewegt sich.
Eine Kinderstimme flüstert: – Das darfst du bestimmt nicht.
Eine andere Mädchenstimme: – Ich mache, was ich will.
Aus dem Vorhang treten zwei kleine schwarzhaarige Mädchen mit Frisuren der zwanziger Jahre hervor, die größere mit dem dunkleren Teint hat einen Rötelstift in der Hand. Bevor der Vorhang wieder fällt, erkennen wir an der Wand die Rötelzeichnung eines kleinen Elefanten. Totale auf einen üppig ausgestatteten Jugendstil-Salon. Die zwei Mädchen tragen weiße Sommerkleider aus Lochstickerei. Als sie weglaufen, sehen wir, dass die Größere barfuß ist. Ranfahrt: Die Kamera folgt ihnen durch den Salon bis in den Gang, wo sie vor einer Tür stehen bleiben. Wir hören das Tippen einer mechanischen Schreibmaschine. Die Mädchen lauschen durch den Türspalt.
Das Tippen hört auf, und eine sanfte Männerstimme sagt:
– Kommt rein, kleine Mäuse!
Die Tür geht auf. Kameraschwenk durch den Raum. Ein Arbeitszimmer mit vielen Bücherregalen und unterschiedlichen Geräten: einem Linsenfernrohr, einem Teleskop auf einem Stativ, verschiedenen Photoapparaten, einem Stereoskop, einer Faltenbalgkamera… Am Schreibtisch sitzt ein bärtiger Mann mit Turban an der Schreibmaschine. Vor ihm liegen alte Bücher und Papiere. Das große Mädchen stürzt sich auf den Schoß ihres Vaters, während seine kleine Schwester von Instrument zu Instrument trippelt – sie weiß offensichtlich, dass sie sie nicht berühren darf –, vorsichtig auf einen vor dem Fenster stehenden Stuhl steigt und sich über das davor stehende Teleskop bückt.
Während die Kamera zum Schreibtisch schwenkt, hören wir sie sprechen:
– Bapu, kann man damit bis Indien sehen?
Beide Mädchen kichern. Nahe Einstellung auf den Vater mit dem Mädchen am Schoß. Der Mann ist um die Fünfzig, seine Haut ist gegerbt, sein langer Bart und sein Turban lassen ihn zwar ernst schauen, aber sein Lächeln und seine Augen drücken Gutmütigkeit und Klugheit aus. Detaileinstellung auf seine Hände: Sie liegen ruhig auf dem Schreibtisch. Dazwischen spielen zwei kleine Kinderhände mit einer Lupe. Durch die Lupe sehen wir abwechselnd persische Schriftzüge und eine Illustration, eine indische Miniatur. Dann zeichnet das Mädchen mit dem Zeigefinger Buchstaben nach, das lachende Gesicht eines , die Wellen eines schīn, die Schlaufe eines ghāf und fragt:
– Bapu, Duci, was steht denn da geschrieben?
Der weißbärtige Mann fängt an zu lesen und zu übersetzen:
Ich und die Kerze … die Nachtigall und der Falter … wir alle sind gleich; weißt du, es ist ein Gedicht der ältesten Tochter des Mogul-Kaisers Aurangzeb. Sie hieß Sibunnisa Machfi.
Die Off-Stimme der Kleine unterbricht:
– Ich kann einen roten Elefanten sehen!
Die Mädchen kichern erneut. Die Große zur Ablenkung:
– Bapu, Duci, erzähl uns von Indien, wie das letzte Mal, von deiner Hochzeit mit Mama!
Die Kleine setzt fort, stellt eine Frage nach der anderen, wie ein Wasserfall, ohne auf die Antworten zu warten:
– Du Bapu, werden wir einmal hin, nach Indien? Nehmen wir das alles mit? Die Geräte und auch das Klavier? Amri sagt, dass es dort rote Elefanten gibt, stimmt es? Sag Bapu, wie ist es in Indien?
Der Vater blickt nun ins Leere. Die Kamera schwenkt durch das Zimmer. Zum Bücherregal, zur Faltenbalgkamera, zum Teleskop und zum Fenster. Fixe Einstellung aufs Fenster.
Der Vater im Off:
– In Indien ist alles … rot.
Langsame Kamerazufahrt durch das Fenster. Die Hügel Budapests, die Donau. Kameraschwenk am Fluss entlang. Überblendung auf eine nordindische Flusslandschaft mit Wäscherinnen in korallenfarbigen Saris. Detaileinstellung auf ein wunderschönes Frauengesicht mit Zinnoberpulver an der Stirn. Der purpurne Seidenstoff, der ihren Kopf umhüllt schimmert im Abendlicht. Und die sanfte Stimme des Vaters sagt aus dem Off:
– Ja, in Indien ist alles rot!
Ende der Sequenz.

Aufschrift « BOMBAY PORT TRUST ». Tag, Sommer. Der Hafen von Bombay. Es wimmelt von Menschen, vor allem Inder mit bunten Turbanen, Kofferträger, Eselskarren, ein scheinbar ungeordnetes Treiben. Diese zeitlose Szene kann durch die Anwesenheit einiger Automobile in die zwanziger Jahre datiert werden. Ein großer Ozeandampfer legt an. Die Gangway wird heruntergelassen und von Schauermännern mit Tauen am Kai befestigt. Eine Fanfare spielt einen englischen Walzer. Die Passagiere warten ungeduldig und strahlend an der Reling, bis sie ans Land können. Die Meeresluft weht durch die Kinderhaare und die hellen Frauenkleider.
Ein schwarzer Ford, Modell T, wartet auf die Familie. Den Mädchen werden safranfarbene Blumenkränze um den Hals gehängt. « Welcome to India! » Amrita lacht. Auf der schleppenden Fahrt durch die Stadt muss die kleine Indira die Augen zu machen, sie fürchtet sich: der Lärm, die hageren sonnengebrannten Rikschamänner, die bloß in ein weißes Leintuch gekleidet sind, ein Affe auf dem Autodach, der seine Zähne zeigt, die Kobras, die sich nach der Musik der Flöte bewegen, der Gestank nach Fisch und nach Kloake. Amrita lacht. Sie sieht die dunklen Gesichter der Kinder, die bunten Farben der Saris und erkennt das Indien ihres Vaters, das Indien der Gedichte und der Miniaturen, alles ist da: die Männer, ihre Hüften unvorstellbar schmal, ihre Hautfarbe silbern, ihre Brauen geschwungen wie ein Bogen, die Frauen schön auch ohne Schuhe, ohne Schminke, ohne Schmuck. Sie will alles einfangen, alles zeichnen, mit den neuen Farben, die sie auf dem Schiff zum Geburtstag bekommen hat, die Wasserverkäufer, die Kokosnusshändler, hier diesen hockenden Mann, der sich beim Brunnen wäscht, da diese zwei Bettelmönche mit den rollenden Augen, die Stirn mit oranger Farbe geschminkt, der Körper mit Asche bedeckt. Ein Elefant mitten auf der Straße bremst den ganzen Verkehr. Der Ford fährt langsam an einem Markt vorbei. Eine alte Frau sitzt auf dem Boden mit ein paar Kräutersträußen zum Verkauf, ihre Handflächen sind rot gefärbt, daneben ein Kind mit einer Handvoll Mandeln in einem Korb, eine magere Kuh stiehlt einen Bund Petersilie, Amrita hält alles fest; buntes Gemüse, Früchte und Knollen, wie sie sie noch nie gesehen hat, farbprächtige Gewürzpulver, die zu kunstvollen Pyramiden aufgetürmt sind. So viele Rottöne kann sie nicht einmal benennen! Sie kennt Blutrot, Kirsche, Ziegelrot, Mohnfarbe, Feuerrot, Paprika, ach ja, Purpur, Rubin, und in ihrer Farbpalette gibt es noch Krapprot, Zinnober und Amarant … und diese Blumen da, so seltsam … ihr Vater hat von einer Blume erzählt, deren Duft so stark ist, dass man ohnmächtig wird.
Bildschnitt.
Neue Aufschrift GREAT TRANS INDIA RAILWAY. Der Zug verlässt die Victoria Station. Wie bei der Autofahrt, kein Blick ins Innere des Wagens. Die Landschaft rollt am linken Fenster vorbei. Der Zug fährt lange am Meer entlang, schwarze Felsen, bald untergehende Sonne. Amrita sieht die Schönheit der indischen Frauen, die nackten Kinder, die kleinen Tempel, die Elefantenstatuen. Bald kommen die Felder und die Dörfer. Lehmhäuser, Stampferde. Sie sieht die seit Tausenden von Jahren gleichen Gesten, das Schöpfen des Wassers aus einem Brunnen, das Formen der Kuhfladen und Klatschen zum Trocknen an die Hüttenwand. In den Bahnhöfen, wo sie Halt machen, laufen Kinder in Schuluniformen am Bahnsteig und schreien den Passagieren « Namasté! » zu. Ein breiter Fluss wird überquert: Große, weiße Tücher trocknen in der Abendsonne, an den Ghâts stehen Menschen bis zur Taille im Wasser und vollziehen ihre Rituale, weiter weg baden Elefanten. Hier und da bilden am Straßenrand ein paar Steine einen Altar, Räucherstäbchen und Kerzen, Blumenblätter und Früchtegaben. In der Ferne sind die schlanken Minarette einer Moschee zu sehen, und in den Feldern die bunten Farbflecken der Saris. Hier tragen die Frauen große Ohrringe und einen Schmuck im linken Nasenflügel.
Die Erde wird ockergelb und dürr. Die Bäche ausgetrocknet. Die weite Fläche der Felder verwandelt sich langsam in eine Gebirgslandschaft. In der Ferne die verschneiten Gipfel des Himalaja. Eine weiße Stadt hängt wie ein Bienenschwarm am Bergrücken. Shimla, Queen of Hills.

Großaufnahme auf einen gusseisernen Kochtopf auf offener Flamme, in dem ghee langsam schmilzt und durchsichtig wird. Eine Frauenhand streut Gewürze in die goldgelbe Flüssigkeit. Wir erkennen Nelken, Zimtstangen und Anissterne. Es fängt an zu brutzeln, zu zischen und zu knistern. Die rechte Hand rührt um, während die linke weiter Gewürze einstreut. Wir sehen mit der Köchin, wie die grünen Kardamomkapseln explodieren, die kugelrunden schwarzen Senfsamen springen, die kleingehackten Ingwerstücke sich verfärben und die roten Chilischoten sich langsam aufblähen. Wir riechen fast den Duft der Mischung. Scharf und süßlich zugleich. Schließlich färbt das Kurkumapulver die ganze Mischung gelb.
In der Ferne vernehmen wir Musik, seltsame Klänge, langsam aufsteigende Töne einer Oboe, die sich bald mit dem Zischen in der Pfanne vermischen. Nun werden die Gewürze mit Bouillon übergossen, weißer Dampf steigt hoch, wird undurchdringlich, das Bild wird langsam unscharf und verwandelt sich in eine blassere Weihrauchwolke. Während dieser Bildfolge ist die Melodie zu einer schrillen lang anhaltenden Klage geworden. Ein tieferes Blasinstrument kommt dazu, beginnt um einen Ton zu kreisen, hält ihn fieberhaft und lässt diese klägliche Note wieder und wieder erklingen. Die Weihrauchwolke verflüchtigt sich nach und nach. Nun greifen tablas den Rhythmus auf, wirbeln und pochen wie ein Herzschlag. Die Musik wird immer lauter, das Tempo immer schneller, als ob sich die Instrumente einen Wettkampf liefern würden, und durch den sich auflösenden Rauch geht das unscharfe Bild des Kochtopfes weich in ein anderes über.
Ein kleines Mädchen sitzt mit übergeschlagenen Beinen auf einem Diwan, perlweiße Seide auf dem Kopf drapiert. Rundherum sind indische Frauen in farbenprächtigen Kleidern, Gold und Silber, Rubine und Diamanten, Smaragde und Perlen. Die Steine werfen Funken im Raum, und das Babel ihrer Stimmen übertönt beinahe die Musik. Nur eine sitzt einsam und schweigend. Angst und Müdigkeit in ihren feuchten Augen. So schwarz die Augen, so schwarz die Haare. Ihre Lippen zwei Rosenblättern gleich. Ein goldener Ring ziert ihre kleine Nase und eine rote tika ihre Stirn. Ihre Hände und Füße sind mit Henna geschmückt. Das Mädchen ist versprochen. Mit dreizehn Jahren ihre Kindheit zu Ende. Hilfloses Spielzeug in den Händen reicher ranis und rajahs. Vielleicht war die letzte Ernte schlecht, oder der Vater hat keine Söhne bekommen. Eine arrangierte Hochzeit als einzige Überlebenschance. Selbst die Tränen ihrer Wangen werden nichts erlangen. Den Bräutigam hat sie einmal gesehen, als die Ehe besiegelt wurde. Es heißt, er sei erfahren und kräftig. Er ist über fünfzig und hat schon drei Frauen.
Armes, kleines indisches Mädchen, ihrem Schicksal ausgeliefert. Trotz glücksbringendem Goldschmuck, trotz festlichem Hochzeitsessen wird sie vielleicht kaum mehr als ein Jahr leben, die Geburt ihres ersten Kindes nicht überleben, oder an einem Unfall oder Verbrennungen sterben, Racheakt der Schwiegerfamilie. Bloßes Auslöschen der Lampe im Morgenlicht.
Und während das Brautpaar das heilige Feuer siebenmal umkreist, wird über der Szene die laute Ragamusik weiterspielen, aufdringlich, betäubend und schmerzend.

Eine Wiese am Forstrand. Im Hintergrund ein weißer Kirchturm. Am Saum des Waldes ein Planwagen und zwei Zelte. Dazwischen zwei grasende Pferde und ein paar Hühner. Eine Frau sitzt auf einem Schemel im Schatten eines Baumes. Sie trägt ein rotes Kopftuch und bunte Kleidung. Ihre Bluse ist offen und enthüllt den Ansatz ihres Busens. Auf ihrem Schoß, in den Falten ihres Rockes liegt ein gepucktes Baby. Es schläft. Die junge Mutter spinnt Wolle mit einer Handspindel in einer raschen und geschmeidigen Geste und summt dabei eine wehmütige Melodie, die bald von Kinderstimmen überdeckt wird.
Die Kamera schwenkt nach links in Richtung der Kinderstimmen. Wir sehen einen kleinen Buben, der eine Ziege an der Leine führt; zwei kleine blonde Mädchen sitzen in der Wiese neben einem größeren Mädchen, vielleicht zwölf, das mit aufgestelltem Kopf auf dem Bauch liegt und an einem Grashalm kaut. Ihr Rock und ihre ärmellose Bluse sind orange, gelb und violett moiriert. Ein langer schwarzer Zopf reicht ihr bis zu den Hüften. Ihre Haut ist honigbraun, der Schmollmund kindlich und sinnlich zugleich, und die Brauen über ihren dunklen Augen sind wie Vogelflügel gebogen. Neben ihr ein leerer Flechtkorb.
Die ganze Szene ist vom hochsommerlichen Licht durchflutet. Alles erscheint luftig und leicht. Die Konturen des liegenden Mädchens heben sich von dem grünen, mit weißen Blümchen gesprenkelten Hintergrund ab, von tausenden von Grünklängen, schillernden Farbnuancen, vibrierenden Tupfen und schimmernden Strichen in Türkis und Opal, Gelboliv und Smaragd. Wir versinken beinahe im Duft der Erde und im süßen Geruch der Wiesenblumen.
Der kleine Bub stellt sich neben das liegende Mädchen und dreht sich zu uns und zur Kamera. Der etwa Fünfjährige hat kurzgeschorene pechschwarze Haare und schaut schelmisch und frech:
– Džanes romanes?
Das liegende Mädchen lacht laut auf, während der Bube redet und redet:
–   Sar bušos? Me bušav Milosch! Katar aves?
Währenddessen fährt die Kamera zurück, und wir entdecken Amrita an der Staffelei, die die Liegende und das Gräsermeer auf Leinwand malt.
– Was sagt dein Bruder?
– Er fragt, ob du unsere Sprache sprichst, weil du wie eine von uns ausschaust! Ich habe ihm gesagt, dass du eine Gadži bist, aber er glaubt mir nicht! Und er fragt, ob du ihm auch einen Pengö gibst, wenn du ihn malst!
– Sag ihm, dass man dafür lange still sitzen oder stehen muss!
Aber der Lausbub hat sich mit seiner Ziege schon längst aus dem Staub gemacht.
Stille, nur das Babbeln und Kichern der zwei kleinen Mädchen ist zu hören, die aber bald aufstehen und unser Blickfeld verlassen. Amrita malt die letzten Pinselstriche. Weiß­höhungen auf der Wiese und im Inkarnat der Lippen. Das Modell fängt zu singen an und schnalzt dabei rhythmisch mit den Fingern:
– Amen sama but Roma – Kaj phirasa ped Roma – Pala mange but Roma – Si ma romnji phurani – Palaj mange voi terni -Palaj mange naj prvi…
– Es ist schön, was du da singst, was bedeutet das?
– Es ist ein Lied über uns, die Roma, es sagt „Die guten Menschen sind auf den Straßen unterwegs, und…“
Sie wird vom kleinen Bruder unterbrochen, der im Vorbeigehen, diesmal ohne Ziege, das Lied aufgegriffen hat und weiter singt:
– Si ma romnji phurani – Palaj mange voi terni – Palaj mange naj prvi…
Das Mädchen lacht erneut:
– Er singt: „Ich habe eine alte Frau, aber für mich ist sie die Schönste und die Jüngste!“
Amrita lacht auch über den lebhaften Bengel.
– Das Lied singen wir immer auf Festen und Hochzeiten, Papo, ich meine Großvater, spielt die Bratsche und mein Vater die Klarinette. Die Leute tanzen gerne dazu, und weißt du, wir spielen auch für die Gadže, und wenn du willst, können wir auch bei deiner Hochzeit singen, wenn du den Gadžo heiratest, der dich immer begleitet, wie heißt er noch?
– Victor. Aber Kalia, ich will noch nicht heiraten, ich bin zu jung dafür, ich bin erst neunzehn…
– Na und? Meine Mutter war viel jünger! Und da hat sie mich gleich bekommen, dann kam mein anderer Bruder, den du nicht kennst, weil er mit Vater Geschäfte macht, sie sind manchmal viele Tage weg, dann erst Milosch… das heißt, nein, dazwischen ist ein Baby gestorben, dann Lali und Anna, die Zwillinge sind, und jetzt das Baby.
– Wie heißt es denn?
– Eigentlich Lazlo, wie unser Papo, aber wir nennen es Booba… Du, sag, wenn du mit dem Bild fertig bist, machst du noch eins von mir? Für zwei Pengö würde ich auch nackt für dich posieren, aber heute muss ich bald Schluss machen, ich muss noch Obst pflücken gehen, bevor es dunkel wird.
Vom Forstrain kommt uns ein junger schlanker Mann entgegen. Wir sehen zum ersten Mal den erwachsenen Victor. Er trägt eine weiße Leinenhose und ein kurzärmliges Hemd. Amrita umarmt das Zigeunermädchen und sagt zum Abschied:
– Kalia, Kleine, vielleicht hast du recht mit dem Gadžo
Vorsichtig nimmt sie die Leinwand von der Staffelei. Victor klappt Feldstaffelei und Malhocker zusammen und steckt sie sich unter den Arm, den Malkoffer nimmt er in die linke Hand, die rechte streckt er dem Mädchen entgegen. Amrita fügt hinzu:
– … aber nicht mehr in diesem Sommer, vielleicht nächstes Jahr!
– Nächstes Jahr? Wir sind nächstes Jahr sicher nicht mehr hier, weißt du, wir ziehen immer weiter, wir reisen durch das Land, von Stadt zu Stadt, wie die Bienen von Blume zu Blume!
Kalia hebt ihren Korb auf, winkt Amrita und Victor ein letztes Mal zu und verschwindet aus unserem Blickfeld. Im Off können wir sie noch hören:
– Also bis morgen! Und ihre singende Stimme verliert sich im Grün der Sommerwiese:
Amen sama but Roma – Kaj phirasa ped Roma – Pala mange but Roma

PARIS. AMRITAS ATELIER. MORGEN.
Totale Einstellung. Ölbilder von Amrita, Boris und Marie-Louise stehen nun am Boden: Porträts und Selbstbildnisse, Pariser Landschaften und ungarische Dörfer, Akte und Stillleben. Amrita steht an der Staffelei. Sie trägt einen schwarzen wallenden Malkittel; an der rechten Hand bunte Perlenketten, die bei jeder Bewegung leise klirren. Sonst ist Stille. Die Morgensonne durchflutet das Zimmer. Auf der Chaiselongue liegt in lasziver Pose eine junge Frau, auf die Ellbogen gestützt, und liest aus einem Buch. Sie ist nackt. Ihre Haut ist sehr hell. Sie sagt:
– Hör dir das an, es ist für dich geschrieben:
Tes pieds sont aussi fins que tes mains, et ta hanche
Est large à faire envie à la plus belle blanche

À l’artiste pensif ton corps est doux et cher

Tes grands yeux de velours sont plus noirs que ta chair
Sie hält inne, dann:
– Wir lernen es jetzt auswendig, komm, wiederhol nach mir
tes pieds sont aussi fins que tes mains …
Amrita sagt sanft:
– Marie, lass mich arbeiten und hör auf, dich zu bewegen.
Sie hat einen leichten, sehr sanften Akzent.
Das Mädchen sagt weiter auf:
– …et ta hanche est large à faire envie à la plus belle blanche …
Sie kichert dabei schelmisch und wiederholt:
– … à faire envie!
dann vor sich hin, nur noch flüsternd,
– … à l’artiste pensif ton corps est doux et cher …
Großeinstellung auf Amritas Hand und den Pinsel. Während die Kamera entlang dem Frauenkörper auf der Leinwand gleitet, spricht Marie aus dem Off weiter:
– … à l’artiste pensif ton corps est doux et cher …
Aus Amritas Blick: Marie streckt sich nach einer Cognac-Flasche auf einem kleinen Tisch, dabei rutscht das rote Seidentuch, das ihre Hüfte bedeckt, zu Boden. Sie nimmt einen Schluck aus der Flasche und stellt sie wortlos zurück. Statt sich wieder in Positur zu legen, setzt sie sich nun zusammengekauert auf, schließt die Augen und wiederholt bedächtig langsam:
à l’artiste pensif ton corps est doux et cher …
Amrita nähert sich. Weiter aus ihrem Blickwinkel: Kamerazufahrt zur Chaiselongue, dann Maries Gesicht in Naheinstellung. Eigentlich Aufsicht, da Amrita nun vor dem nackten Modell steht. Marie lächelt fast unmerklich. Sie hat die Augen noch immer geschlossen. Amrita streicht ihr leicht über die Wange. Dabei klirren wieder ihre Armketten. Marie öffnet die Augen, schaut hoch zu ihrer Freundin und flüstert:
– tes grands yeux de velours sont plus noirs que ta chair.
Ihr Blick ist kindlich und lüstern zugleich. Sie schmiegt ihren Kopf an Amritas Bauch. Amrita umschließt Maries Gesicht mit beiden Händen, schüttelt den Kopf, ihre schwarzen Haare fallen auf ihre Schultern und über den Rücken, Marie entkleidet sie und zieht sie an sich. Sie taumeln und fallen. Küssen sich. Amerikanische Einstellung auf ihre nackten Körper. Beide Körper gleich fein und weich, Schenkel, Hüften, Brüste, nur der Farbkontrast ist erstaunlich: Maries blasser Teint und Amritas ambrafarbene Haut. Alles geschieht langsam und harmonisch. Sie umarmen sich zärtlich, wiegen sich, schmiegen sich Hand in Hand, Bauch an Bauch, Bein in Bein. Aneinander. Ineinander.
Weicher Bildschnitt.
Aufblende. Selbe Kameraeinstellung. Marie liegt jetzt mit dem Gesicht zur Wand. Vor ihr Amrita auf dem Rücken, im Profil. Sie haben sich mit dem roten Seidentuch bedeckt. Jetzt sieht man, dass es mit einem schwarzen Drachen bestickt ist. Amrita beginnt zu sprechen:
– Weißt du, der Winter in Indien … es ist völlig anders als all das, was du dir vorstellen kannst. Anders als alles, was du je gehört hast.
Sie dreht sich zu Marie, stützt sich auf den linken Ellbogen und beginnt, die Konturen ihres Körpers mit dem Zeigefinger nachzuzeichnen. Während sie weiter spricht, schwenkt die Kamera durch das Zimmer, von Bild zu Bild, Gypsy Girl from Zebegény, das fertige Porträt von Boris mit den Äpfeln, Young Girls, Notre Dame.
– Das Land ist einfach wunderschön, endlose karge Flächen, die Erde granatrot, gelbgrau, ockerbraun, und die Menschen … unglaublich dünn und dunkel, traurig und schweigsam … und über allem schwebt eine Art … Melancholie.
Self-Portrait at Easel, Madame Taslitzky, Young Girls, Sleep.
– Und dann gibt es diesen wunderbaren Ort, den stillsten Ort, den ich je erlebt habe. Man weiß nicht, was Stille ist, was sie sein kann, solange man diesen Ort nicht gesehen hat. Ellora, die Höhlentempel.
Study of Model, Marie Louise Chassany, Yusuf Ali Khan, Reclining Nude.
Stell dir vor: gewaltige Felsen, in die Höhlen hineingeschlagen wurden, mächtige Säulen mit verzierten Kapitellen, und in den vielen niedrigen Höhlen: Stille, und ein märchenhaftes Zwielicht.
Die Kamera hat nun das ganze Atelier umkreist und kehrt jetzt zu den zwei Freundinnen zurück. Sie liegen noch immer auf der Seite, Marie Amrita den Rücken kehrend, das Gesicht zur Wand, eng aneinander geschmiegt.
– … Wasser sickert durch die Felswand, und überall sind Skulpturen, einmalige Skulpturen und Einsamkeit.
Wir nähern uns den Gesichtern, dann wechselt die Kamera in die vertikale Aufsicht und überblickt beide Frauenprofile in Nahaufnahme.
– Ich muss nach Indien zurück, verstehst du? Ich gehöre dorthin, und Indien gehört zu mir.
Über Maries rechte Wange fließt eine stille Träne.

 

 

„Ist das für die normal?“

(ein Slamtext, vorgetragen anläßlich des C3-Library Slams « Bon voyage!? » am 24. Oktober 2017, Finale, 1. Platz ex aequo mit Henrik Szanto)

Sehr geehrte Frau… oder soll ich „Liebe Margret“ sagen?
Nein, weder noch; denn weder sind wir per du, noch sind Sie mir „lieb“ oder „geehrt“, und, vorausgesetzt, es ist Ihr richtiger Name und nicht einer dieser austauschbaren und anonymen KronenzeitungsleserInnennamen, kann ich ihn nicht ganz ausschreiben – so wenig wie die von Herrn Ignaz U. aus Graz oder Herrn Martin K. aus Bad Vöslau.

Bleiben wir also bei Frau M.
In einem Brief an den Herausgeber schreiben Sie, Frau M., Ihren Unmut über den Müll, den „die Asylwerber überall, wo sie waren, in Bahnhöfen, Straßen, Zelten, einfach liegen“ lassen, denn Ihnen „tun sie sehr leid, aber“… Sie können nicht verstehen. „Das sieht man im Fernsehen und in den Medien“, bitte schön, und dann ziehen sie einfach weiter, aber wirklich,

„ist das für die normal?“

Was Sie vergessen zu sagen, Frau M., oder nicht sagen, weil Sie es nicht wissen, weil Sie Ihr Wissen, oder das, was Sie für Wissen halten, vermutlich aus Medien wie die „Kronen Zeitung“ beziehen, die „nicht wie der Großteil der anderen Medien berichtet“, ist, dass erstens der Begriff „Asylwerber“ sich per definitionem nicht auf die Menschen bezieht, … die weiterziehen.

Die Tatsache, dass diese Zeitungsrubrik „Das freie Wort“ heißt, berechtigt nicht zur Missachtung der deutschen Sprache und zur Verwirrung der Begriffe. Die, die … weiterziehen, werden nicht in Österreich um Asyl werben. Ihr Status ist „Flüchtlinge – Flüchtlinge – Flüchtlinge“, so steht es auch ganz groß als Titel auf Seite 41.

Zweitens darf ich anmerken, dass „deren Müll“ „unser Müll“ ist; ein Müll, den wir gespendet haben, denn schließlich, das schreiben Sie selber, Frau M., tun Sie uns und Ihnen „sehr leid“ – außer wir sind, wie Frau Hanna M. aus Wien schreibt, „eigentlich komplett abgestumpft“ –, aber in Wirklichkeit tun wir das, um unser Gewissen zu beruhigen, um sagen zu können, dass auch wir ihnen geholfen haben,

„jawohl, meinen Pelzkragen habe ich denen gegeben, a bißerl kaputt, durch die Motten im Dachboden, aber weißt, wie warm so ein Pelz ist?“

Und die Lacklederpumps, die Eislaufschuhe, den elektrischen Fusselrasierer, den Eiersollbruchstellenverursacher, den Natursauerteigführungsautomat, und – ja, natürlich! – das riesige Winnie Puuh Stofftier oder noch besser Ferkel, das süße Schweinchen, mindestens so süß, wie das aus der Werbung;

nur dass ein Schwein ein Schwein bleibt, und dass das Tier von Moslems nicht unbedingt als niedlich empfunden wird, schon gar nicht, wenn es fünfzig Zentimeter groß ist, und es darum geht, Reiseproviant für vier Personen, Ersatzkleidung und Windeln in einem zerfetzten Kommissar Rex Schulrucksack für eine Busreise nach Deutschland oder Skandinavien… oder doch zurück nach Ungarn unterzubringen.

Nein, Frau M. aus Neunkirchen, ich kann wirklich nicht mit Ihnen per du sein. Auch nicht mit den Frauen Mosler, Mosche, Berger oder den Herren Krämer, Stadler und Unterasinger.

In einem anderen Leserbrief heißt es: „Ein kurzer Blick in die Krone vom 25. September bringt den Leser in eine Welt, die eigentlich Angst macht.“ Für die Leserin, die ich manchmal bin, macht jeder Blick in die „Krone“ und ihr „Freies Wort“ Angst. Und am Erschreckendsten finde ich das Schlusswort der Rubrik: „Mehr davon jetzt online“.

[Dieser Text bezieht sich auf die Kronen Zeitung von Sonntag 27. September 2015]

Das neue Opium des Volkes

(ein Slamtext über ein sogenanntes Urlaubsparadies, vorgetragen anläßlich des C3-Library Slams « Bon voyage!? » am 24. Oktober 2017, 1. Runde)

 Ein Strand in Goa. Sonnenuntergang, Meeresrauschen und Möwenschreie. Eine leichte Brise weht in den Palmen und in meinen gewellten Haaren. Inbegriff des Paradieses. Mein Fußabdruck … im nassen Sand hinterlässt mystische Symbole: Dharmachakra und flammende Sterne.

Goa. Hier glühen seit vierzig Jahren die Aussteigerherzen; verlorene Seelen, die wie römische Lichter die ganze Nacht lang brennen, brennen, brennen. Hippies in ausgewaschenen Klamotten, mit Tattoos, Piercings und Dreadlocks.
Hype and cool.
High and smooth.
Bei Tag gibt’s Yoga, Tantra, New Age Music, Ayurveda.

Abends wird getrommelt, Hand gelesen, jongliert und tarockiert, du rauchst Kingfischer Bier oder trinkst einen Joint, oder umgekehrt, am Ende singst du Mantras: Om mani padme hum!

Horizonterweiterung.

Eine Engländerin will ein Buch über die Sonnenuntergänge auf der ganzen Welt schreiben. So different! Sonst kauft sie Stoffe und Schmuck für ihre Boutique in London. Ihr Fußabdruck?
London-Goa hin-zurück über Mumbai und Dubai vier Mal im Jahr … 10 Tonnen Co2 … 10 Tonnen, das sind 5 Autos oder 4 Elefanten.

Eine junge Sirene tanzt in den Wellen eine Bollywood-Choreographie; auf einer Düne liegt ein totes Schwein im Sand; daneben macht ein kahlköpfiger Mann Tai-Chi. Sein Yin und sein Yang in voller Harmonie. Frische leuchtende Kraft strömt durch seinen Körper, er teilt die Wolken mit den schwingenden Armen, tanzt mit dem Regenbogen, rudert in der Mitte des Sees. Vorwärtstreibende Wellen…
Und diese Ruhe…

Please Madam, have a look, very good price! Junge Frauen in Saris schleppen Bündel von Stoffen: What’s your name? Have a daughter?
Ein kleiner Bub mit vorstehenden Zähnen versucht Ketten los zu werden: Please Ma’m, malachite, turquoise, sandalwood, shark tooth
Ein Eisverkäufer fährt den Strand mit dem Fahrrad auf und ab und klingelt unentwegt mit der rostigen Glocke.
Dann kommt die Kokosnussfrau im Schatten ihres Korbes…
Herst Schorschi, glaubt’s die san bi-o?

Please Madam… jeden Tag kommen sie, dieselben Verkäuferinnen, Lalita, Gita, Sita und Anita, du kennst sie alle. Verlegene Touristen verstecken sich hinter ihren Büchern, Jonathan Franzen, Paolo Coelho, Daniel Kehlmann.
Dein Kindle erweist sich als unbrauchbar.
Hello Madam, how are you today? Remember me? Have a look. You promised. Der Strand als Konsumtempel. Rosa, schwarze, violette Tücher. Die Ränder ungesäumt, die Farbe unfixiert. Dieselben Fetzen wie vor vierzig Jahren, nach Staub riechend. Dieselben Fetzen… Nachhaltig.
Please, have a look! Today is not a good day. Too much Russians on the beach.

Diese Russen.

Die Russen können nicht einmal Englisch, die Russen sind hart im Geschäft, die Russen lesen keine Bücher und kaufen keine Haifischzähne, sie lernen Kitesurfen, sie tragen Goldketten und Designer-Sonnenbrillen. Hören Techno, trinken Rum und Wodka. Mojito, Cuba Libre, Bloody Mary, Stormy Night. Dann fahren sie betrunken ihre halbnackten Blonden in Pareo und Flipflops auf schweren Motorrädern durch die indischen Dörfer.

Aber bald…
bald wird ein Neues Zeitalter kommen: denn die Sonne wird in den Wassermann wandern,
Monsunwinde werden aufsteigen,
schwarze Wolken werden den Himmel verdüstern…
Und wenn der Regen kommt, sind die Russen bestimmt weg.

[Goa, Februar 2012 – Klosterneuburg, Oktober 2017]

 

Lichtspiele

(Auszug aus dem Roman « Nebel und Nacht », publiziert in mosaikzeitschrift.at, August 2017)

[Juni 1944, Paris-Aix mit dem Fahrrad]

Tiefblaue Nacht. Die Reifen surren auf dem feuchten Asphalt. Du bist nicht schläfrig, ganz wach vor Anstrengung, wachsam vor Angst. Du nimmst alle Geräusche, alle Düfte wahr: die nach Honig duftenden Spiräen, das Flattern einer Fledermaus, die feuchte Erde und das Summen des Dynamos. Du denkst an die Kinder, die du bald wiedersehen wirst. An ihre glänzenden Augen, wenn sie die Glaskugel sehen werden. Du denkst an diesen Koffer auf deinem Gepäcksträger. Was wohl darinnen sein mag? Hinter dir plötzlich ein Auto. Es wird nicht langsamer, es hupt und überholt dich, es fährt vorbei und davon. Wie ein Blitz aus Furcht und Schrecken. Du bleibst allein zurück im schmalen Licht deines Scheinwerfers. Es ist das Herz Frankreichs, hügelig und saftig grün. Die Wege und Felder sind durch gewundene Steinmauern getrennt. Die Tage sind diese ersten warmen Frühlingstage, noch vor der Hitze des Sommers, Anfang Juni vielleicht. Gestern hat es geregnet, die Gräben sind getränkt, die Weiden in Seen verwandelt. Der Farn ist dankbar. Es überkommt dich sehr langsam. Zuerst ist es nur ein Beben der Luft, dann siehst du drei kleine gelbe Punkte. Oder sind es vier? Motorräder oder Autos? Du schaltest den Dynamo aus und wirfst dich in einen Graben, hinter eine Mauer. Die Sachen im Koffer haben gescheppert. Dir bangt. Es dauert Minuten, Stunden, eine Ewigkeit. Du liegst im Dreck, in der Dämmerung, das Gesicht mit Kot bespritzt. Durchhalten. Keine Zigarette. Keine Glut, kein Rauch. Am Mittelfinger den flüchtigen Tabakgeruch schnuppern. Bloss nicht an die nassen Schuhe denken, an die angeschlagenen Knien. Das Warten ist schmerzhaft. Schwer der Kopf. Du denkst an die Glaskugel in deinem Rucksack. Der Eifelturm ist sicher ganz verschneit. Blendender Blitzstrahl, betäubendes Rattern, Todesangst. Und dann die Ruhe. Unheimliche Ruhe. Da zündest du dir eine Zigarette an und beginnst, die Schuhe schwergesogen, das Rad die Mauer entlang zu schieben. Über einen Feldweg erreichst du einen menschenleeren Weiler. Da ist das Ortsschild, da ist die Steinbrücke über dem Bach, dieser rauschenden Schlammstrasse. Und da der Bauernhof. Es ist ein Steinhaus mit einem Schieferdach und einem Feigenbaum vor dem Eingang. Du kennst die Leute nicht, aber du weisst, dass du angekommen bist. Der bellende Hund, die offene Tür, die ausgemachte Parole. Die Bauernfamilie sitzt noch am Abendtisch bei gleissendem Licht. Es gibt noch heisse Suppe. Man macht dir eine Omelette, du bekommst ein Glas Wein. Du trocknest deine Schuhe am Kamin, der Koffer wird geöffnet. Stempel, Siegel, Stampiglien, Farbkissen, Prägeeisen, Siegellackstifte. Und unausgefüllte Ausweise, Urkunden, Formulare. Auftrag erfüllt. Du wirst das Fahrrad verstecken, in der Scheune schlafen. Am nächsten Tag geht es weiter, heiteren Gemütes. Du wirst mit dem ersten Sonnenstrahl aufstehen, am langen Eichentisch noch einen echten Kaffee nehmen, und eine grosse Scheibe Brot mit einer Spur Honig. Sanft wie die Morgenröte.

Je tu elle

(Exercice de style oulipien sur les 10es Rencontres de Bienne)

JE me souviens de la date : 4 et 5 février 2017.
Je me souviens de boiseries, de vitraux et de plafonds en stuc.
Je me souviens, le samedi matin vers dix heures, du goût d’un petit pain fourré de fruits confits.
Je me souviens d’une ambiance chaleureuse et studieuse.
Je me souviens de Tokoll, d’Esther Montandon et de Peter-und-so-weiter.
Je me souviens qu’il a neigé à gros flocons.
Je me souviens.

TU traduis, tu écris, tu enseignes, tu travailles dans un bureau. Tu viens d’Annemasse, de Lausanne, de Savigny, de Berne, de Munich, d’Yverdon-les-Bains. Tu habites rue Linné, Wagnergasse, au bord du lac, près du Jardin des Plantes. Tu parles l’allemand, le français, l’italien, l’arabe aussi, et le turc parfois. Tu dis Bonjour, Servus, Moinz, Grüessech. Tu as participé à tous les ateliers. Tu aimes le lapin à la Bourguignonne, tu manges végétarien. Tu portes des couleurs claires, tu t’habilles toujours de noir.

ELLE s’appelle B. Au début, elle paraît secrète et inabordable. Mais elle est ouverte au monde. Elle vit dans deux cultures et se dit même bilingue. Elle est à 117 kilomètres de Zürich. Latitude : 47 degrés Nord – longitude : 7 degrés Est – altitude : 434 mètres.

NOUS connaissions-nous déjà ? Avons-nous lu les textes de la même façon ? Savons-nous qui est le narrateur ? Que nous apprend la focalisation interne ? Que veut nous dire l’auteur avec ce passage soudain au présent ? Comment traduirions-nous cette impression de flottement ? Comment pourrions-nous rendre cette sonorité ? Ne trouvons-nous pas la traduction meilleure que l’original ?

VOUS vouliez assister aux 10es Ren­flements de Bretagne à l’Instrument lit­téraire. Pour participer, vous avez rempli la fortune d’insigne et envoyé une thaumaturgie anonymisée (max. 8000 carambouilles, espèces com­pris­es) ou une tra­hison de toute géodésie lit­téraire, écrite dans une des laparotomies nationales. Le commandité de presbyacousie a sélec­tion­né votre thaumaturgie qui a fait l’objet de dif­férentes atmosphères. Un légionnaire public a présen­té quelques-unes de ces thaumaturgies et tra­hisons.

ILS sont venus de Genève, Zürich ou Vienne vers cette ville du nom de Bienne. Les yeux rieurs, mines joyeuses, gestes sereins et le cœur en goguette. L’une écrit pour ses tiroirs, celui-ci rêve de publier, lui préfère commenter et elle, juste écouter. Nul ne dort. Non, toujours ils vont, ils viennent, entre les mondes, entre les mots. Deux jours de discussions, de lectures sublimes et de poésie pure. Rien du monde extérieur. Dehors, c’est pluie, c’est neige, c’est un ciel gris qui pleure.
Puis ils sont retournés vers leurs villes d’origine, riches d’idées nouvelles, de souvenirs joyeux : longtemps ils se souviendront des Rencontres de Bienne. Et même un jour, peut-être qu’ils y reviendront.

————-

JE : en hommage au Je me souviens de Georges Perec
TU : Se réfère à Penser/Classer de Georges Perec, tout en utilisant la contrainte de Turing*
ELLE : renvoie à l’Exercice Précisions de Raymond Queneau
NOUS : renvoie aux Exercices Hésitations et Impuissant de Raymond Queneau
VOUS : Contrainte S+7* réalisée avec le Langenscheidts Taschenwörterbuch, Französisch-Deutsch, Berlin/Munich, 1982
ILS : Lipogramme* (ici sans la voyelle a)

* http://www.oulipo.net/fr/contraintes

À corps perdu (oder: Das Istanbul-Syndrom)

Es war nicht Florenz, es war nicht Paris, es war nicht Jerusalem. Es war auch nicht während eines dieser hektischen Städtetrips: „Entdecken Sie in drei Tagen den Zauber des Orients und die größten Shoppingmalls Europas“. Nein. Ich wohnte in Istanbul seit nun acht Monaten, war bereits ohne Reiseführer und Stadtplan unterwegs. Ich schlenderte durch die Stadt, die Hände in den Taschen, und machte keine Fotos mehr.

Ich war schon öfters in Paris, auch in Marokko und sogar in Indien gewesen. Ich hatte die schwindelerregende Kuppel des Taj Mahals und den Palast der Winde gesehen, kannte schon das tosende Rauschen und die Morbidität der Straßen Old Delhis und des Platzes Djemaa el Fna, die mystische Stimmung der Pilgerstadt Pushkar und die Leichenverbrennungen an den Ghats von Banganga.

Ich bekam keine krankhaften Angstzustände oder religiösen Halluzinationen; keine „himmlischen Empfindungen“, keine spirituelle „Ekstase“, wie Stendhal sie in Florenz erlebte und beschrieb. Es war auch keine bewusste Abdrift der Gefühle, wie Pierre Loti sie in Aziyadehs Stambul inszenierte. Nichts von all dem.
Es war nichts als ein Schwindel. Und es klopfte mir das Herz. Es kam über Nacht, heimtückisch und ausweglos.
Der Abend davor: ein lauer April. Ich war dem Wiener Winter entlaufen. Gerade angekommen. War mit Freunden zu einem Konzert verabredet. Schülerband. Davor ein Bier in der Artischocke, am Fuße des Galataturms. Der Festsaal der Schule: überhitzt. Zwei, drei jazzige Nummern, die warme Stimme einer lasziven Lehrerin, die Begeisterungsrufe der Zuschauer, und dann kam dieser schwarz gekleidete Maturant mit Sonnenbrille. Wieder Begeisterungsrufe der Zuschauer. Der pochende Rhythmus der Bassgitarre, die ersten Riffs, und dann die Stimme, dunkel und düster:

People are strange
when you’re a stranger
Faces look ugly
when you’re alone

Es war ein plötzlicher Blackout. Hohes Pfeifen einer Mikrofonrückkopplung in meinen Ohren, der tiefe Bass pulsierend in meinen Schläfen, die Schrillheit der Gitarre schnürte mir die Kehle zu, die Zunge klebte am Gaumen, der Atem wie beraubt, flaues Gefühl im Magen, das Herz beklommen, der Nacken steif und schmerzend …

When you’re strange
no one remembers your name

Es war um mich geschehen: Alles geriet ins Wanken. Schwindel, Herzrasen, Ohrenpfeifen, andauernd und quälend, eine nicht enden wollende Malaise, Übelkeit, Überreizung. Wochenlang, monatelang.

Streets are uneven
when you’re down
When you’re strange
faces come out of the rain

Ich hatte den Nullpunkt meiner Kräfte erreicht, ja überschritten, hatte die Balance verloren und „fürchtete umzufallen ». Und alles war mir fremd. Das Summen der Frachter, die Schreie der Möwen, das Hupen der Autos, die Pfiffe der Polizisten, das Quietschen der Straßenbahn, kein Geräusch, das mich früher kaum gestört, ja das mir vielleicht gefallen hätte, war mir noch erträglich. Nicht einmal die Sirenen der Dampfschiffe am Bosporus. Nicht einmal das Rufen der Muezzins. Lärmtrunken. Am Festland: ein Schaukeln wie auf hoher See, ich stoße überall an, stolpere über Gehsteige und Pflastersteine, mein Spiegelbild in den Schaufenstern entzweit sich und verschwimmt; mein Gesicht verfremdet. Nullpunktverschiebung. Sinnestäuschung. Fragmentierte Schriften: die Buchstaben gespalten, die Striche gebrochen, die Vertikale aufgehoben. Ich habe keine Bodenhaftung mehr, wie der junge tanzende Derwisch, der beim Kreisen um sich selbst die Verbindung zur Erde verliert, ehe seine rechte Hand im Himmel Halt findet, und dabei aus der Körperachse geworfen wird. Schwindel also. Und ständig dieses Klopfen in der Brust, das Rasen im Kopf, das Hämmern in den Schläfen, das Pfeifen in den Ohren.

When you’re strange

Schwanken, Klopfen, Schwirren, Pfeifen.

when you’re down

Taumeln, Pochen, Schrillen, Rasseln.

Welche schmerzhafte Erinnerung, welche vergrabene Angst versuchte da an die Oberfläche meines Bewusstseins zu drängen? Um mich zu quälen oder mich zu erlösen? Istanbul, Stadt des Taumelns, Stadt des Schwindelns. Zwei weitere Jahre schwindelte ich durch die Stadt, durch das Leben, ohne die Antwort zu finden.

Femme fatale

Le 5 août 1925, Amrita Sher-Gil, alors âgée de 12 ans, répertorie dans son journal les films qu’elle a vus en Inde où elle vit depuis quelques années – La Reine de Saba, Cyrano de Bergerac, Quo Vadis, le Cheik –, dessine des croquis sensuels et parfois érotiques des acteurs et actrices qu’elle y a admirés, et en fait un classement par ordre de préférence : Betty Blythe, la comtesse Rina de Liguoro et, à la troisième place, Pola Negri, dans Carmen.
Dans ce film – réalisé par Lubitsch en 1918 et également connu sous le titre The Gypsy Blood – Pola Negri n’a que 21 ans, mais les dix films qu’elle a déjà tournés ont fait d’elle une icône du cinéma muet. Ses épais jupons de gitane accentuent ses rondeurs plutôt qu’ils ne les masquent, elle porte les poncifs de la bohémienne, foulard sur la tête et grandes boucles d’oreilles, et une mèche de cheveux noirs, aiguisée en spirale, orne son front. Sur une photo probablement réalisée par son père Umrao Sher-Gil, Amrita pose avec ce même accroche-cœur et un sourire aguicheur.

En 1929, Pola Negri tourne son dernier film muet, Son dernier Tango, où elle joue une entraîneuse dans un bar à marins du nom de Paradis bleu, qui, pour fuir son maquereau, épouse un gardien de phare et part vivre avec lui. Dans les extraits que l’on peut voir en ligne, on ne peut que constater qu’elle a pris pas mal d’embonpoint, que sa démarche est encore plus chaloupée que dans Carmen, et que la gestuelle est devenue vulgaire : elle bouscule les gens et se crache dans les mains, si bien que j’avais du mal à croire qu’elle puisse avoir été la femme fatale que l’on dit.
Jusqu’à ce soir de janvier 2017. Dans les rues désertes de Vienne, il gèle à pierre fendre. Il fait nuit depuis longtemps. Mais sous les lustres de cristal du cinéma Metro, les lourds velours rouges me projettent hors du temps. Dans l’envers du décor. La salle est historique. Sur la scène, un pianiste accompagne ce dernier film muet* de Pola, seule copie qui ait survécu, provenant de la cinémathèque de Toulouse. La lumière s’éteint, et le voyage commence. Tous les sens sont en éveil. On croit entendre le cri des mouettes, sentir les embruns, alors tout doucement on glisse, dans la bruine du port, dans la moiteur du bar. Puis, gros plan sur son visage. Et Pola nous emporte. Vague submergeante, on croit entendre son rire, sentir la poudre de ses joues, il y a la mouche veloutée qui palpite au-dessus de sa lèvre, il y a les guiches de cheveux noirs qui frisent à présent ses tempes, il y a, malgré le noir et blanc, l’incarnat de sa peau, ses lèvres de carmin et son regard de braise. Elle distille une féminité et une sensualité intemporelles. Elle est la volupté et le désir ardent. Elle est la femme. Elle est Pola Negri. Elle est.

 

* Son dernier Tango (The Woman He Scorned Die Straße der verlorenen Seelen) est un film anglais de Paul Czinner de 1929.

 

 

Klagesong auf den Diphthong

(ein Slamtext zu « Zwanzig Jahre Rechtschreibreform », vorgetragen beim Poetry Slam « Textstrom » – moderiert von Mieze Medusa – in der Brunnenpassage, Wien, am 15. Juni 2017)

1977, Südfrankreich,

ich bin zehn und beginne, im Gymnasium Deutsch zu lernen,

als Fremdsprache.

Mein Vater ist Deutschlehrer,

ich sitze in seiner Klasse

– das Buch heißt „Deutsch ist Klasse“ –,

er schreibt mit der Kreide an die Tafel:

Guten Tag

Guten Abend

Vati sucht seine Pfeife

und erörtert des langen und breiten

die Groß- und Kleinschreibung,

die Zeichensetzung,

zwischen Laut und Buchstabe die Beziehung,

die Schreibweise,

die Grammatik und die vielen Ausnahmen.

„Wie soll ich wissen, wie man es schreibt,

wenn ich nicht weiß, wie man es spricht?“

„Nach einem Zwielaut scharfes ‚s’, t’as compris?“

Später kam – untrennbar – zer/be/er/ge/miß/emp/ent/ver

und der doppelte Infinitiv des Verbs.

Das ist die Kunst zu schreiben.

Später lerne ich „Die Lorelei“,

„Der Nachtschelm und das Siebenschwein“

auswendig,

es war recht aufwendig,

aber am Ende konnte ich

Deutsch,

zumindest dachte ich

die letzten zwanzig Jahre:

ich muß, du mußt, er muß,

in Massen und in Maßen,

die Gasse und die Straße,

die Küsse und die Grüße,

die Beeren und die Bären.

Ja, ich dachte, ich sei

auf dem laufenden

Zeit meines Lebens.

Aber seit dem Inkrafttreten neuer Rechtschreibregeln

glaube ich, ich kann’s nicht mehr.

Um Goethes willen,

ich stehe kopf

und brauche ein Update.

Wie soll ich jetzt schreiben:

Schweizer Käse, Wiener Küche,

Schweizerhaus, Tiroler Knödel?

Sie sagen, das Phonologische sei jetzt endlich logisch.

Ich finde das Morphematische recht problematisch.

In Deutschland hat man Spass, in Österreich mehr Spaß.

Kommt das auf das Gleiche?

Ich fühle mich entkräftet wie das „ph“ in fotografisch,

stimmlos und perplex wie ein „eß“ nach einem Diphthong,

da hilft mir nicht mal mein Tai-Chi Qigong.

Ich bin nicht mehr im Stande,

ja außerstande,

aufs Äußerste verwirrt.

Ich versteh’ nicht im Geringsten,

es ist ein Albtraum,

ein Gräuel,

und übersteigt meine Fantasie.

Wer kann mir denn helfen aus meinem Nicht-mehr-fertig-Werden?

Ich zerfalle in Wörter, die auseinander geschrieben werden,

nicht mehr zusammengehören.

Muss ich alles aufs Neue lernen?

Blieb denn nichts mehr beim Alten?

Ich muss achtgeben, größte Acht geben,

und ich bin mir im Klaren,

ich muss mein Wissen mit drei „t“ langsam ins Reine bringen:

im Schritttempo die neuen Regeln über die Hippocampi zurück zu meinem Cortex schicken,

meine Großhirnrinde zum Hotspot der Orthographie entwickeln.

Aber genau genommen bin ich guten Willens

und angesichts der Situation

ist es von meinem Wissen noch nicht die Endstation,

und ich bin wie diese Reform

voll und ganz für Integration,

Integration,

Integration…

 

 

La concrétion d’un souvenir

[« Je sais bien que les objets familiers sont synonymes d’aveuglement : nous ne les regardons plus et ils ne disent que la force de l’habitude. » Marcel Cohen, Sur la scène intérieure. Faits.]

 Je l’ai trouvé dans la pièce du sous-sol de la maison de mes grands-parents que nous appelions « la salle de jeu », mais où mon grand-père, une fois à la retraite, avait installé son bureau. Il y triait ses timbres, faisait son courrier, payait ses factures, lisait et relisait les seuls documents en sa possession sur la mort prématurée de son jeune frère en camp de concentration. « Faites doucement, parce que papi travaille », disait ma grand-mère quand nous demandions à aller jouer en bas. Je me souviens des meubles démodés des années 1940 – une table en fer forgé aux carrelages espagnols, un fauteuil rouge en simili cuir – d’un mange-disque, d’un chapeau mexicain, d’un miroir rond entouré de rotin, et d’une coupe à fruits en pâte de verre…
Tout y était encore quand il s’est agi de vider la maison après le décès de ma grand-mère. Même le bureau de mon grand-père, mort pourtant quinze ans auparavant. Un meuble massif, en bois patiné, vermoulu depuis, que j’avais connu des années auparavant dans le magasin d’électroménager que tenait ma grand-mère à l’angle d’une rue de la ville. Le tiroir du haut, quand j’étais enfant, servait de tiroir-caisse. Sur le bureau de la salle de jeu, comme une mise en scène de théâtre : la lampe Mazda en loupe d’acajou et sa tulipe d’opaline, le téléphone en bakélite au cadran rotatif de la marque Ericsson, estampillé de la mention « Propriété de l’État ». Un pot à crayons rempli de stylos à bille publicitaires et d’un coupe-papier en métal très léger.
C’est lui, l’objet. Le grand mystère.
C’est ce que l’on appelle de « l’artisanat des tranchées » ou « l’art des poilus ». Il date donc de la Grande Guerre. Cent ans déjà. Le manche est fait d’une douille de balle vide ; la lame, fichée dans le culot, est un morceau de laiton de la même couleur, sans doute prélevé sur un obus, aplati et découpé en forme de flamme. La douille et le pourtour de la lame sont gravés d’un fin motif d’écailles ; sur le manche, on peut lire Souvenir ; sur une face de la lame, une ancre entourée d’un cordage – ce qui peut paraître étrange pour un soldat des tranchées –, deux initiales enlacées dont il est difficile de dire s’il s’agit d’un J et d’un E ou d’un F et d’un C, une fleur dans son pot ; sur l’autre face, la même fleur sans son pot, une colombe tenant une lettre dans le bec, et les dates 1914-15-16-17. Tombé au combat ? Ou seulement blessé et rentré au pays ? L’artisan-soldat a-t-il offert le coupe-papier en 1917 à sa mère, à une bonne amie ou une marraine de guerre, dans l’espoir de recevoir des lettres en retour ? Ou échangé l’objet contre des cigarettes, une ration de pain ? D’où mon grand-père le tenait-il ? Hérité de son père ou de son beau-père ? De son frère qui avait été dans la marine ? L’avait-il acheté ou reçu en cadeau bien après les deux guerres ? Nous ne le saurons jamais. Nous aurions dû demander. Ça, et le reste. Mais personne ne l’a fait. Par gêne ou par indifférence. Peut-être aussi parce qu’il fallait faire « doucement, parce que papi travaille ».
Ce regret laisse à la gorge un goût âcre comme l’est l’odeur du métal. Celui des balles et des obus. Qui n’a pas changé depuis un siècle.

(À voir sur le site du Weltmuseum Wien)