Klagesong auf den Diphthong

(ein Slamtext zu « Zwanzig Jahre Rechtschreibreform », vorgetragen beim Poetry Slam « Textstrom » – moderiert von Mieze Medusa – in der Brunnenpassage, Wien, am 15. Juni 2017)

1977, Südfrankreich,

ich bin zehn und beginne, im Gymnasium Deutsch zu lernen,

als Fremdsprache.

Mein Vater ist Deutschlehrer,

ich sitze in seiner Klasse

– das Buch heißt „Deutsch ist Klasse“ –,

er schreibt mit der Kreide an die Tafel:

Guten Tag

Guten Abend

Vati sucht seine Pfeife

und erörtert des langen und breiten

die Groß- und Kleinschreibung,

die Zeichensetzung,

zwischen Laut und Buchstabe die Beziehung,

die Schreibweise,

die Grammatik und die vielen Ausnahmen.

„Wie soll ich wissen, wie man es schreibt,

wenn ich nicht weiß, wie man es spricht?“

„Nach einem Zwielaut scharfes ‚s’, t’as compris?“

Später kam – untrennbar – zer/be/er/ge/miß/emp/ent/ver

und der doppelte Infinitiv des Verbs.

Das ist die Kunst zu schreiben.

Später lerne ich „Die Lorelei“,

„Der Nachtschelm und das Siebenschwein“

auswendig,

es war recht aufwendig,

aber am Ende konnte ich

Deutsch,

zumindest dachte ich

die letzten zwanzig Jahre:

ich muß, du mußt, er muß,

in Massen und in Maßen,

die Gasse und die Straße,

die Küsse und die Grüße,

die Beeren und die Bären.

Ja, ich dachte, ich sei

auf dem laufenden

Zeit meines Lebens.

Aber seit dem Inkrafttreten neuer Rechtschreibregeln

glaube ich, ich kann’s nicht mehr.

Um Goethes willen,

ich stehe kopf

und brauche ein Update.

Wie soll ich jetzt schreiben:

Schweizer Käse, Wiener Küche,

Schweizerhaus, Tiroler Knödel?

Sie sagen, das Phonologische sei jetzt endlich logisch.

Ich finde das Morphematische recht problematisch.

In Deutschland hat man Spass, in Österreich mehr Spaß.

Kommt das auf das Gleiche?

Ich fühle mich entkräftet wie das „ph“ in fotografisch,

stimmlos und perplex wie ein „eß“ nach einem Diphthong,

da hilft mir nicht mal mein Tai-Chi Qigong.

Ich bin nicht mehr im Stande,

ja außerstande,

aufs Äußerste verwirrt.

Ich versteh’ nicht im Geringsten,

es ist ein Albtraum,

ein Gräuel,

und übersteigt meine Fantasie.

Wer kann mir denn helfen aus meinem Nicht-mehr-fertig-Werden?

Ich zerfalle in Wörter, die auseinander geschrieben werden,

nicht mehr zusammengehören.

Muss ich alles aufs Neue lernen?

Blieb denn nichts mehr beim Alten?

Ich muss achtgeben, größte Acht geben,

und ich bin mir im Klaren,

ich muss mein Wissen mit drei „t“ langsam ins Reine bringen:

im Schritttempo die neuen Regeln über die Hippocampi zurück zu meinem Cortex schicken,

meine Großhirnrinde zum Hotspot der Orthographie entwickeln.

Aber genau genommen bin ich guten Willens

und angesichts der Situation

ist es von meinem Wissen noch nicht die Endstation,

und ich bin wie diese Reform

voll und ganz für Integration,

Integration,

Integration…