Indienrot

(Auszug, Stand Sommer 2011)

Innen. Tag. Großeinstellung auf einen schweren roten Samtvorhang. Man vernimmt Kinderlachen. Der Vorhang bewegt sich. Eine Kinderstimme flüstert: « Das darfst du bestimmt nicht ». Eine andere Mädchenstimme: « Ich mache, was ich will. » Aus dem Vorhang treten zwei kleine schwarzhaarige Mädchen mit Frisuren der Zwanziger Jahre hervor, die größere mit dem dunkleren Teint hat einen Rötelstift in der Hand. Bevor der Vorhang wieder fällt, erkennt man an der Wand die Rötelzeichnung eines kleinen Elefanten. Totale auf einen üppig ausgestatteten Jugendstil-Salon. Die zwei Mädchen tragen weiße Sommerkleider aus Lochstickerei. Wenn sie weglaufen, sieht man, dass die größere barfuß ist. Ranfahrt: Die Kamera folgt ihnen durch den Salon bis in den Gang, wo sie vor einer Tür stehen bleiben. Man hört das Tippen einer mechanischen Schreibmaschine. Die Mädchen lauschen durch den Türspalt. Das Tippen hört auf. Eine sanfte Männerstimme sagt: « Kommt rein, kleine Mäuse! » Die Tür geht auf. Kameraschwenk durch den Raum. Ein Arbeitszimmer mit vielen Bücherregalen und unterschiedlichen Geräten: einem Linsenfernrohr, einem Teleskop auf einem Stativ, verschiedenen Photoapparaten, einem Stereoskop, einer Faltenbalgkamera… Am Schreibtisch sitzt ein bärtiger Mann mit Turban an der Schreibmaschine. Vor ihm liegen alte Bücher und Papiere. Das große Mädchen stürzt sich auf den Schoß ihres Vaters, während ihre kleine Schwester von Instrument zu Instrument trippelt – sie weiß offensichtlich, dass sie sie nicht berühren darf –, vorsichtig auf einen vor dem Fenster stehenden Stuhl steigt und sich über das davor stehenden Teleskop bückt. Während die Kamera zum Schreibtisch schwenkt, hört man sie sprechen: « Bapu, kann man damit bis Indien sehen? » Beide Mädchen kichern. Nahe Einstellung auf den Vater mit dem Mädchen am Schoß. Der Mann ist um die Fünfzig, seine Haut ist gegerbt, sein langer Bart und sein Turban lassen ihn zwar ernst schauen, aber sein Lächeln und seine Augen drücken Gutmütigkeit und Klugheit aus. Detaileinstellung auf seine Hände: sie liegen ruhig auf dem Schreibtisch. Dazwischen spielen zwei kleine Kinderhände mit einer Lupe. Durch die Lupe sehen wir abwechselnd persische Schriftzüge und eine Illustration, eine indische Miniatur. Dann zeichnet das Mädchen mit dem Zeigefinger Buchstaben nach, das lachende Gesicht eines , die Wellen eines schīn, die Schlaufe eines ghāf… und fragt: « Bapu, Duci, was steht denn da geschrieben? » Der weißbärtige Mann fängt an zu lesen und zu übersetzen: « Ich und die Kerze… die Nachtigall und der Falter… wir alle sind gleich… weißt du, es ist ein Gedicht der ältesten Tochter des Mogul-Kaisers Aurangzeb. Sie hieß Sibunnisa Machfi… » Die Off-Stimme der Kleine unterbricht: « Ich kann einen roten Elefanten sehen! » Die Mädchen kichern erneut. Die Große zur Ablenkung: « Bapu, Duci, erzähl uns von Indien, wie das letzte Mal, von deiner Hochzeit mit Mama! » Die Kleine setzt fort, stellt eine Frage nach der anderen, wie ein Wasserfall, ohne auf die Antworten zu warten: « Du Bapu, werden wir einmal hin, nach Indien? Nehmen wir das alles mit? Die Geräte und auch das Klavier? Amri sagt, dass es dort rote Elefanten gibt, stimmt es? Sag Bapu, wie ist es in Indien? » Der Vater blickt nun ins Leere. Die Kamera schwenkt durch das Zimmer. Zum Bücherregal, zur Faltenbalgkamera, zum Teleskop und zum Fenster. Fixe Einstellung aufs Fenster. Der Vater im Off: « In Indien ist alles… rot. » Langsame Kamerazufahrt durch das Fenster. Die Hügel Budapests, die Donau. Kameraschwenk am Fluss entlang. Überblendung auf eine nordindische Flusslandschaft mit Wäscherinnen in korallenfarbigen Saris. Detaileinstellung auf ein wunderschönes Frauengesicht mit Zinnoberpulver an der Stirn. Der purpurne Seidenstoff, der ihren Kopf umhüllt schimmert im Abendlicht. Und die sanfte Stimme des Vaters sagt aus dem Off: « Ja, in Indien ist alles rot! » Ende der Sequenz.